Hinter den Kulissen eines Bordells

Ein Gespräch mit Gerda Kalchschmid, Besitzerin des „Alten Herzog“

Ein sonniger Nachmittag. Im „Alten Herzog“ ist es trotzdem dunkel. Im ältesten Bordell Ulms treffen wir Gerda Kalchschmid, 49 Jahre alt. Mit 25 ist sie über Nacht zur Puffmutter geworden. Sie erbte den „Alten Herzog“ von ihrem Vater. Uns erzählt sie, wer ihre Gäste sind, was ein Bordell mit dem Kino gemein hat und warum sie jeder jungen Frau erstmal davon abraten würde, bei ihr zu arbeiten.

 

Von Thomas Block und Samira Eisele

 

Ulm Interview mit der Besitzerin vom Alten Herzog fürs Azze Magazin

Frau Kalchschmid, wie viele Männer waren heute schon bei Ihnen?
Keiner. Wir öffnen erst um 17 Uhr.

Aber um ein Gefühl dafür zu kriegen: Wie viele Männer kommen so am Tag?
Das ist schwierig zu sagen, manchmal sind es zehn, zwanzig – manchmal sind’s fünf. Das kommt aufs Wetter und die Jahreszeit an. Ob gerade ein Fußballspiel läuft, ob man am Baggersee hocken oder auf den Weihnachtsmarkt gehen kann. Kalt, Winter, dunkel, dann ist was los.

Hätten Sie sich in der Schule schon vorstellen können, hier ihr Geld zu verdienen.
Nein. Ich habe ja nach dem Abitur erstmal studiert. Mein Vater ist dann während meines Studiums gestorben, und ich habe den „Alten Herzog“ geerbt. Ich wollte mir das dann für ein Jahr anschauen. Jetzt sind es 24 Jahre geworden.

Was hat Sie so überzeugt, dass Sie es dann doch 24 Jahre gemacht haben?
Ich habe in Heidelberg auf einer amerikanischen Uni studiert. Da fing der Unterricht meistens erst um zwei Uhr nachmittags an. Da hatte ich viel Zeit, das Nachtleben in Heidelberg unsicher zu machen. So ging das dann eben auch hier weiter. Wahrscheinlich war ich schon immer eher ein Nachtmensch.

Wie sieht Ihr Berufsalltag aus? Worauf kommt es an?
Ich bin nachts hier und am Tag schlafe ich. Das Wichtigste ist es, als Gastwirtin hier zu sein. Das ist ja eine normale Gaststätte. Also es gibt Spaghetti und Kaffee …

Die besten Spaghetti der Stadt, heißt es.
Ja, die sind Kult.

Hat sich das Publikum verändert?
Nicht wirklich. Jetzt kommen halt schon die Söhne und die Enkel. „Ich war da schon Spaghetti essen, musst Du auch.“ Sie kommen natürlich immer nur, weil sie Spaghetti essen wollen …

Wie reagieren die Leute, wenn Sie sie auf der Straße ansprechen?
Das mache ich nie. Manchmal erkenne ich die Leute auch gar nicht am Tag. Die sind da anders, anders angezogen. Hier ist es auch richtig dunkel in der Nacht, nur mit Kerzchen beleuchtet.

Wie sieht es mit dem Puffmutter-Klischee aus?
Ja, das stimmt schon. Wenn es Probleme gibt, bin ich jederzeit da. Es gibt ja auch Frauen, die schon ein paar Jahre bei mir sind.

Da wird so ein Verhältnis schon enger, oder?
Nein, ich sieze alle meine Frauen, und sie siezen mich auch. Es ist und bleibt ein Arbeitsverhältnis.

Was suchen die Männer hier, was sie zu Hause nicht bekommen?
Vielleicht das Gespräch. Viele kommen ja und reden sich erst mal aus, und dafür sind wir auch da. Oder es geht eben aufs Zimmer. Aber das wird immer überschätzt, viele wollen nur reden. Es gibt Männer, die haben traumatische Erfahrungen im Leben gemacht. Die gehen nicht selten zwei Stunden aufs Zimmer und klagen den Frauen dort ihr Leid, weil sie es zu Hause einfach nicht können. Die Frauen wissen, wie wichtig es ist, zuzuhören und eine schöne heile Welt zu verkaufen. Das ist wie ins Theater zu gehen. Oder ins Kino. Für eine Nacht sind die Sorgen und Probleme weg.

Im Theater braucht es eine starke Routine hinter den Kulissen, damit alles funktioniert.
Das ist hier ähnlich. Es gibt Männer, die reinkommen und richtig überrascht sind. Weil sie realisieren, dass es hier gekaufte Zuneigung gibt. Vielen ist das vorher nicht bewusst. Die meisten lassen sich aber auf die Illusion ein. Wenn die den dunklen Raum wieder verlassen und rausgehen, an die Sonne, die frische Luft, braucht es einen Moment, bis sie wieder in der Realität ankommen.

Wie unterscheidet sich die Vorstellung der Männer, die hier reinkommen, von dem, was sie dann sehen?
Manche sind enttäuscht. Wenn man in den Safari-Club geht, ist hier eine nackt, dort eine Stange und so weiter. Hier sind die Frauen angezogen. Nicht mit Dessous, das geht nicht. Normal, Kleidchen. Neulich ist jemand hier reingestolpert und hat eine Viertelstunde gebraucht, um zu realisieren, dass das hier ein Bordell ist. Die Frau saß neben ihm und er sagt: Kauf dir doch selber einen Drink! Und ich sagte dann: Nein, das geht hier nicht, das ist ein Bordell. Und er dann: Um Gottes Willen, zahlen!

Wenn man das so hört – Therapieersatz, Illusion, mal herauskommen – was denken Sie dann über die Debatte um ein Prostitutionsverbot?
Abschaffen finde ich schlecht. Das gab es schon immer, die Nachfrage ist da. Und wenn es abgeschafft wird, dann würde das die Kriminalität in diesem Sektor nur steigern. Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt, die Nachfrage ist da und es wird sie immer geben.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Menschenhändlern gemacht?
Das kann passieren. Früher ist es mal vorgekommen, da stand einer vor der Tür, im Auto eine Frau, die er mir verkaufen wollte. So jemanden schicke ich sofort weg.

Wie reagieren Sie auf den Vorwurf, keine Prostituierte mache das freiwillig, die Frauen werden alle unterdrückt?
Das stimmt nicht. Erstens nehme ich gar keine Frauen, bei denen ich merke, dass schon Druck da ist. Keine, bei denen schon der Zuhälter mitkommt und die das nicht freiwillig macht. Das spürt man schon beim Einstellungsgespräch. Wenn es Anzeichen dafür gibt, dass irgendeine Form von Zwang dahintersteckt, sage ich ihnen, sie sollen sich wo anders umschauen.

Wie kommen Sie an Ihre Frauen?
Ich inseriere in einer einschlägigen Zeitung. Die rufen an, kommen her und stellen sich vor. Wenn sie dann nervös ist und alle zehn Minuten telefonieren muss, dann ist das nichts. Dahinter steckt Stress. Das sind aber meistens junge Ostblock-Damen. Die haben Stress, weil jemand im Hintergrund ist.

Worauf achten Sie bei der Auswahl?
Sie müssen die nötige Reife erreicht haben, sich sicher sein und wissen, was sie tun. Ich hatte jetzt wieder eine SMS von einer Frau, die sich vorstellen wollte. Die war kurz vor 18 und hat noch zu Hause gewohnt. Das geht gar nicht. Da dürfte ich schon deshalb nicht anrufen, weil sonst die Mutter ans Telefon gehen könnte. Stellen Sie sich das mal vor. Der Job kann einen sehr verändern. Ich rate jedem jungen Mädchen, sich erstmal nach Alternativen umzuschauen.

Aber wenn Sie sagen, Sie raten dazu, erstmal Alternativen zu suchen, der Job verändert einen – wieso geben Sie Frauen dann den Raum dafür?
Man sollte nicht mit 18 damit anfangen. Man macht auch nicht mehr so viel Geld wie früher. Nicht mal mehr die Hälfte. Durch die ganzen Osteuropäerinnen, die für 20 Euro die Stunde arbeiten.

Es gab Angebote von Bordellen, die eine Puff-Flatrate für 50 Euro angeboten haben.
Da kann man auch putzen gehen. Aber die Frauen, die sich darauf eingelassen haben, kommen aus Ländern, wo sie 200 Euro im Monat verdienen. Ich hatte hier Frauen, die in ihrer Heimat 250 Euro im Monat verdient haben. Als Lehrerinnen, als gut ausgebildete Fachkräfte. Die machen das hier am Abend. Die lesen in ihrer Pause anspruchsvolle Literatur – auf Deutsch. Manche sprechen fließend mehrere Sprachen.

Wie lange wollen Sie den Job eigentlich noch machen?
Mit 52 ist Schluss. Also ein paar Jährchen noch, dann werde ich wohl verkaufen.

Welche Männer kommen hierher?
Alle. Wir haben Akademiker, Arbeiter, Musiker, Schauspieler, den kleinen Mann, den großen Mann, einfach alle. Es kann sein, dass der große Industrielle neben dem Schornsteinfeger hockt, der neben dem Arzt und der neben Gott weiß wem.

Die ganze Gesellschaft trifft sich in Ihrem Bordell, und das wollen Sie aufgeben?
Doch, das kann man schon aufgeben. Das hat auch was mit dem Alter zu tun. 20 Jahre Gastronomie sind schon heftig, vor allem bei unseren Öffnungszeiten. Ich arbeite dann bis um fünf Uhr morgens – und dann am nächsten Tag wieder. Das zehrt.

Sie könnten das Geschäft ja behalten und andere arbeiten lassen.
Nein, das kann ich nicht. Hopp oder top. Verpachten, mit jemandem, der hier was ändert, kommt nicht in Frage. Wenn, dann ganz weg, und der Nachfolger kann dann auch machen, was er will.

Was sagen Sie, wenn eine Frau vor der Tür steht?
Dass sie hier nicht reindarf. Auch nicht zum Spaghettiessen. Da mache ich keine Ausnahmen. Viele wollen das natürlich. Die stehen vor der Tür und sagen, sie hätten dasselbe Recht wie alle anderen. Haben sie aber nicht, ich habe das Hausrecht.

Da haben sich einige Geschichten angesammelt über die Jahre.
Ja, schon. Da könnte man ein Buch drüber schreiben. Es gibt auch ganz traurige Geschichten hier drinnen. Selbstmorde auch, von Frauen, die einfach nicht mehr weiterkönnen. Die dachten mal, mit 20 fange ich das an, mit 30 höre ich auf. Und die sitzen dann mit 60 immer noch da.

Prostitution funktioniert also nicht als Zwischenstation?
Selten. Ich höre das jeden Abend von meinen Frauen. Noch ein Jahr. Dann noch eins, noch zwei, mit 40 höre ich ganz sicher auf. Und dann sind schon wieder zehn Jahre vergangen. Wo sollen die denn auch noch hin? Wenn die sich irgendwo vorstellen, was sollen die sagen, was sie getan haben?

Was sagen Sie Frauen, die zu Ihnen kommen und aufhören wollen?
Das finde ich toll. Ich helfe jeder Frau, die heiratet oder anders raus möchte. Ich kenne ja viele Leute, den ein oder anderen Job kann ich schon vermitteln. Es haben aber auch einige Frauen geheiratet und sind immer noch zusammen mit ihren Männern. Die haben sich hier kennengelernt. Das sind kleine Pretty-Woman-Geschichten. Es ist zwar nicht der Millionär. Aber die haben Kinder bekommen und sind glücklich. Das freut mich am meisten: Wenn eine Frau, die zehn Jahre hier gearbeitet hat, jemanden findet und ein glückliches Leben führt.

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