Ein Recht auf Nähe

Simon, gerade 30 Jahre alt, hätte gerne ein Sexleben. Wie jeder andere junge Mann in seinem Alter auch. Er wäre sogar bereit, dafür zu bezahlen. Und das hat eine Grund. Denn Simon sitzt im Rollstuhl. Und fragt sich: Wer schläft mit einem Behinderten?

 

Von Thomas Block

Eine spastische Lähmung ist kein Frauenmagnet. Wenn Simon Schlichting in einer Bar sitzt, dann sehen die Frauen nicht, dass er gerne mit ihnen reden, dass er sie gerne zum Lachen bringen würde, dass er ein guter Gesprächspartner ist. Sie sehen einen Mann, der an einen Rollstuhl gegurtet ist, dessen Arme unkontrolliert in die Höhe ragen, der sich den Drink von seinen Assistenten an den Mund führen lassen muss. Sie sehen einen Behinderten. Und Behinderte haben keinen Sex.

„Es nervt mich, dass unsere Gesellschaft behauptet, sie sei so offen. Dabei verkriechen sich alle nur noch mehr in ihre Gruppen.“ Simon sitzt in seinem Wohnzimmer und regt sich auf. Es ist nur spärlich eingerichtet – ein Schreibtisch, darauf ein großer Bildschirm, gegenüber ein Sofa und ein Regal voller DVDs. Auf dem grauen Teppichboden haben sich die Spuren seines Rollstuhls eingekerbt, in der kleinen Küche steht seine Assistentin und bereitet das Abendessen zu. 24 Stunden am Tag ist Simon von solchen Assistenten umgeben. Sie helfen ihm abends in sein Bett, heben ihn morgens wieder heraus, bringen ihn zur Arbeit. Und sie reden. Reden von ihren Beziehungen, ihrem Liebeskummer und ihren One- Night-Stands.

Es ärgert Simon, dass ihm diese Intimitäten, die für alle Menschen ohne Behinderung ganz selbstverständlich zu sein scheinen, verwehrt bleiben. „Ganz viele Teile der Gesellschaft nehmen gar nicht erst wahr, dass man als Behinderter auch Bedürfnisse hat“, sagt er. Früher, bevor er sein Leben mit 19 in die eigene Hand nahm, bevor er einen Job in Ulm gefunden hat und aus Norddeutschland hergezogen ist, lebte er in einem Heim und nahm es selbst nicht wahr. Damals war er der Überzeugung, kein Bedürfnis nach Intimität haben zu dürfen. “Wenn du in diesen Einrichtungen bist, dann ist das für dich normal, dass man als Behinderter keine Partnerschaft hat“, sagt er.

Das Verlangen kam erst später, in der Welt außerhalb des Heimes. Er erkannte, dass es in Ordnung ist, sich nach der Nähe einer Frau zu sehnen. Er begann, Pläne zu schmieden. Eine feste Freundin sollte es sein, eine ernsthafte Beziehung, vielleicht heiraten. Mit 25 wollte er sein erstes Kind bekommen, sechs sollten es insgesamt werden. Jetzt ist er 30 – und hat in seinem Leben noch nie eine nackte Frau berührt.

Deva Bhusha heißt eigentlich Carola Glöckner und ist eine Frau, die Männern mit Behinderung gegen Geld Intimität ermöglicht. „Ich biete den Menschen die Möglichkeit, mir sexuell zu begegnen“, sagt sie. „Mir als Frau, als gleichwertigem Gegenüber.“ Deva ist ausgebildete Sexualbegleiterin. Einige Kunden empfängt sie in ihrem Münchner Studio, manche besucht sie zu Hause, manche im Pflegeheim. „Was ich tue, ähnelt dem, was wir unter Prostitution verstehen“, sagt sie. Doch Deva ist mehr als eine Prostituierte für Behinderte. Es ist Therapie, Selbsterfahrung und Teilhabe. Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, geht es um Nähe, um Schönheit, um Intuition. Es geht darum, Menschen glücklicher zu machen, denn: „Sexualität gehört halt einfach zum Leben dazu.“

Das sehen nicht alle so. „Gerade in stationären Einrichtungen ist das ein totgeschwiegenes Thema“, sagt sie. „Die Leute werden da bewusst auf einem Kinderlevel gehalten.“ Wenn das Bedürfnis aus ihnen herausplatzt, wenn geistig behinderte Menschen anfangen, in der Öffentlichkeit zu masturbieren oder beim Waschen eine Erektion bekommen, dann wüssten die Pflegekräfte oft nicht, wie sie reagieren sollen. Manchmal rufen sie Deva an, meistens schweigen sie das Thema tot. Deva ist eine einfühlsame Gesprächspartnerin. Sie lacht viel, fragt oft nach, geht auf ihr Gegenüber ein. Sie ist über ihren Job als Tantra-Masseurin zur Sexualbegleitung gekommen. Gefühle, Intuition und sexuelle Energien spielen für sie eine große Rolle. Bei der Arbeit könne sie auf die Bedürfnisse ihrer Kunden eingehen, auch wenn diese nicht in der Lage sind, sie zu artikulieren. Lange Vorgespräche gibt es nur selten. „Meistens ist es so, dass ich mich relativ schnell ausziehe und dann zu ihm unter die Decke kuschel“, sagt sie. Der Rest ergebe sich dann.

Bei einer Lähmung sind starke Berührungen wichtig, bei Männern mit Muskelschwund eher leichte, bei manchen spiele der Orgasmus eine wichtige Rolle, bei manchen gar keine. Sex ist optional. Sie behält sich vor, bei jedem Kunden selbst zu entscheiden, ob sie es so weit kommen lassen möchte. „Doch Geschlechtsverkehr ist nur ganz wenigen wichtig“, sagt sie. Streicheln, umarmen, liebkosen – eine schwere Behinderung ist nicht nur ein Hindernis für Sex, sondern für sämtliche physische Kontakte.

„Das hört sich jetzt vielleicht dämlich an, aber ich würde gerne mal kuscheln“, sagt Simon, und: „Ich würde gerne mal Nähe erleben, ohne mich dafür schämen zu müssen.“ Irgendwann ist ihm klargeworden, dass für ihn selbst Kuscheln nicht ohne weiteres zu haben ist. Simon hätte in ein Bordell gehen können, doch davor hat er Angst, er
möchte sich keiner Frau ausliefern, die nicht genau weiß, was sie mit ihm machen muss. „Wenn du jetzt Sachen mit mir machen würdest, die für dich normal sind, dann sind die für mich vielleicht extrem“, sagt er bei unserem Interview. Simon hätte gerne eine Sexualbegleitung.

Doch eine Stunde von Devas Zeit kostet 90 Euro, die Anfahrtskosten sind da noch nicht inbegriffen. „Zwei Stunden kosten mich sicher 300 Euro. Mit meiner Halbtagsstelle kann ich mir das nicht leisten“, sagt er. Gibt es ein Recht auf Nähe? Die Frage hat Simon sich oft gestellt. Die Sexualbegleitung würde sein Leben stabilisieren, so eine Sexualbegleitung hat ja auch therapeutische Wirkung, meint Simon, und sie würde ihn irgendwie weiter in die Gesellschaft führen, er würde dazugehören, nicht immer nur zuhören müssen, was die anderen in ihren Schlafzimmern treiben. Warum sollte jeder dürfen, nur er nicht?

Simon kam zu dem Schluss, dass es ein Recht auf Nähe geben muss, dass alles andere nicht fair ist, und beantragte Geld für eine Sexualbegleitung beim Sozialamt. Der Antrag wurde zum Arbeitsamt weitergeleitet und dort irritiert abgelehnt.

„Ich kann zu niemandem gehen und sagen: Gib mir meinen Sex. Das ist kein Grundrecht“, sagt Dr. Lothar Sandfort. Der Psychologe leitet das Institut zur Selbstbestimmung Behinderter (ISBB) in Trebel, einer kleinen Gemeinde in Niedersachsen. Das Institut ist Ausbildungsstätte und Arbeitsplatz für Sexualbegleiterinnen. Seit Mitte der 90er Jahre hat Sandfort hier mehr als 80 Sexualbegleiterinnen und Sexualbegleiter ausgebildet, eine davon war Deva. Drei Jahre hat sie hier gelernt und geübt. In den Seminaren werden sie bei der Arbeit beobachtet und korrigiert, werden auf die Besonderheiten behinderter Körper aufmerksam gemacht. Und sie lernen, wie man reagiert, im authentischsten aller Momente, wenn ein körperlich behinderter Mensch nackt vor einem liegt. „Bei meinem Kind, bei meinen Mitschülern oder Kollegen kann ich immer so tun, als ob alles normal wäre. Beim Sex geht das nicht mehr“, sagt Sandfort. In diesem Moment lasse sich nichts mehr kompensieren, man könne nicht mehr einfach so tun, als seien Behinderte normal. Man müsse selbst davon überzeugt sein.

„Wir sind nur ein Trainingslager, wir sind nicht das richtige Leben“, sagt Sandfort. Die Sexualbegleitung ist für ihn ein Instrument, eine Heranführung an das richtige Leben. Auch deshalb gibt es sie nicht geschenkt, deshalb muss sie bezahlt werden. Damit sie nicht zum richtigen Leben wird. Weil sich die meisten etwas anderes wünschen. „Der Hintergrund bei vielen meiner Kunden ist, dass sie eigentlich eine Freundin haben wollen“, sagt Deva.

Das ist auch Simons Wunsch. Die Sexualbegleitung sei nur eine Notlösung. „Weil man sich immer mehr hineinsteigert, und weil ich realisiere, dass ich älter werde.“ Vor kurzem hatte Simon Geburtstag. Es gab Kuchen, Tee, lustige Brillen und eine Hupe für den Rollstuhl. Aber keineUmarmung.

Bestellen

2 thoughts on “Ein Recht auf Nähe

  1. bezalen?

    Ich dachte hier schreiben junge Menschen mit Schulabschluss.
    Wenn schon im ersten Absatz solche Dinger drin sind hat das doch niemand gegengelesen.

    • Hallo Jupp,

      das mit dem Schulabschluss ist natürlich ein Gerücht.
      Danke für den Hinweis. Ich hab’s geändert.

      Gruß. thomas

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>