Sex im Karton

Die Briten haben mal wieder das Fernsehen revolutioniert. Zumindest klingt es im ersten Moment so: In “The Sex Box” haben Paare Sex im TV-Studio und reden hinterher darüber. Klingt interessant, ist es am Ende aber leider doch nicht.

Von Anne Meßmer

Sex im Fernsehen ist ein alter Hut. Doch jetzt glauben die Briten, den Fernseh-Sex revolutioniert zu haben: Im Oktober lief die erste Folge von „The Sex Box“ auf Channel 4 – der englischsprachigen Version von RTL. Hier wie dort kokettieren Privatsender gerne mit ihrer ach so offenherzigen Unverklemmtheit. Die Macher von „The Sex Box“ behaupten, eine „Kampagne für realen Sex“ geschaffen zu haben. Die Sendung soll weit ab von dem sein, was Werbung, Film und Pornoindustrie uns Zuschauern als normal verkaufen wollen. Daher greifen die Produzenten nicht auf Schauspieler als Protagonisten zurück, sondern auf echte Pärchen.

Denn wer könnte das Sexleben der Durchschnittsbevölkerung besser repräsentieren? In der ersten Folge sind dabei: Ein älteres heterosexuelles Paar, ein homosexuelles Paar, ein dunkelhäutiges Hetero-Paar und ein Paar aus Mann und Frau, jeweils mit Behinderung. Das Drumherum ist denkbar einfach: Man nehme ein Studiopublikum und als Experten eine Kummerkastentante, einen Sexkolumnisten, einen Experten für Körpersprache und Beziehungen sowie einen Psychotherapeuten/Autor.

Das einzige schmückende Studioelement ist eine blick- und schalldichte Box, in der das jeweilige Paar Sex haben wird. Im direkten Anschluss, wenn alle Eindrücke noch ganz frisch sind, sollen sie im lockeren Plauderton über das Erlebte sprechen. Was in der Box passiert, ob es bei den Paaren wirklich zur Sache geht oder ob sie sich einfach mal kurz durch die Haare wuscheln, erfährt der Spanner am Fernseher natürlich nicht. Der Sex bleibt verborgen. Die Macher wollen zwar in aller Öffentlichkeit darüber sprechen, aber gezeigt wird nichts. Der Mut oder die Dreistigkeit, den letzten Schritt zu gehen, fehlt offensichtlich.

Was ja nicht unbedingt schlecht sein muss. Alles soll sich in der Phantasie der Zuschauer abspielen. Ob wir im Jahre 2014 eine Sendung wie „The Sex Box“ brauchen, muss jeder für sich entscheiden. Die Macher halten ihr Format für essentiell, behaupten sie. Schließlich sei es vielen Menschen immer noch peinlich, über Sex zu sprechen und mit der Sendung wollten sie auch verdeutlichen, dass realer Sex meist anders ist als im Porno. Aber gilt man denn gleich als prüde, wenn man sein Sexleben nicht in aller Öffentlichkeit ausbreiten möchte? Ist nicht das viel spannender, was im Verborgenen bleibt? „The Sex Box“ will anders sein und gekonnt lässig und ist dabei nur schnöder Durchschnitt. Dafür spricht auch die Zuschauerresonanz: Nur 900 000 schalteten bei der ersten Folge ein.

Das war wohl auch den Verantwortlichen zu wenig: Die Ausstrahlung weiterer Folgen wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Denn an dem Punkt, an dem die Macher wirklichen Mut hätten beweisen können, haben sie gekniffen: bei der Auswahl der Paare. Warum denn nicht ein Paar mit einem deutlichen Altersunterschied? Oder ein Paar, bei dem nur einer an einer Behinderung leidet? Dann hätten sie etwas anderes geschaffen. Sollten die Macher an dieser Stelle nicht etwas mehr Mut beweisen, bleibt „The Sex Box“ nur eine von vielen beliebigen Talk-Shows, die sich mal wieder mit dem Thema Sex auseinandersetzt.

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