Zwangsprostitution in Baden-Württemberg: Wenn Frauen zur Ware werden

In Osteuropa träumen viele junge Mädchen von einem besseren Leben. Viele zieht es nach Deutschland. Ein Job als Putzfrau oder Kellnerin, das können sie sich vorstellen. Doch oft endet die Reise in einem Puff – in dem sie weniger wert sind als Plastikbecher aus denen die Frauen trinken.

Von Dorothea Nitzsche

Ein Dorf in Rumänien: Die Familien haben wenig Geld zum Leben, können sich nur schwer selbst versorgen. Einem geht es besser als allen anderen. Er betreibt ein Restaurant in Deutschland und kommt immer mal wieder vorbei, in seiner teuren Limousine. Ein vertrauensvoller, ehrenwerter Mann. Vermeintlich. „Es sind oft bekannte Persönlichkeiten aus dem eigenen Dorf oder sogar Verwandte, die den jungen Mädchen das Blaue vom Himmel versprechen“, sagt der ehemalige Ulmer Polizeiermittler Manfred Paulus. Der 70-Jährige beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten mit Zwangsprostitution und Menschenhandel. Im Auftrag der Europäischen Union reiste er nach Weißrussland und jüngst nach Albanien, um Frauen aufzuklären und dortige Behörden zu sensibilisieren.

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„Den Mädchen wird versprochen, dass sie als Kellnerin arbeiten oder irgendwo putzen“, sagt Paulus. Das sei die Phase der Anwerbung: Das ist sehr leicht, seiner Meinung nach, da die Mädchen in den „reichen Westen“ wollen. Der Anwerbung folgt die Phase der Schleusung. Auf vielen Wegen gelangen die jungen Frauen nach Deutschland. „Sie kommen über die sogenannte Heroinstraße von Afghanistan über Weißrussland und Polen; über Moskau werden sie in die ganze Welt geschickt oder reisen über die Balkan-Länder nach Europa“, sagt Paulus.

Wie Zuhälter Macht ausüben

Während die Mädchen unterwegs sind, beginnen die Zuhälter, sie zu verängstigen. Sie müssen ihren Pass abgeben, ihnen wird vorgerechnet, dass die Reise, das gefälschte Visum oder die Bestechung eines Beamten viel Geld gekostet haben und sie diese Schulden abarbeiten müssen.

Auch die 16-jährige Valeria[1] ist mit einem Job als Küchenhilfe nach Deutschland gelockt wurden, erzählt Doris Köhncke vom Fraueninformationszentrum Stuttgart. Sie hat 14 der 20 rumänischen Frauen betreut, die 2012 gegen zwei Betreiber der sogenannten Pussy-Clubs ausgesagt haben. Valeria war eine von ihnen. Als die junge Rumänin nach Deutschland kam, hatte sie noch nie einen nackten Mann gesehen. „Sie wurde von den Zuhältern betrunken gemacht und vergewaltigt“, berichtet Köhncke. Eine gängige Methode. Im Zuhälter-Jargon nennt man das „zureiten“, erklärt Paulus. Die Frauen sollen sich an ihre künftige Arbeit gewöhnen.

Valeria musste in den Pussy-Clubs arbeiten – Flatrate-Bordellen, in denen Männer für einen Pauschalpreis so viele Mädchen haben konnten, wie sie wollten. Getränke inklusive. „Teilweise konnten sich die Frauen zwischen zwei Männern nicht mal kurz waschen“, sagt Köhncke. Eine Liege an der anderen habe in einem der Häuser gestanden, nur getrennt durch einen Paravent.

Wurden die Frauen einmal krank, gab es kein Pardon. Einen Arzt aufsuchen durften sie nicht. Länger als fünf Stunden schlafen, war nicht erlaubt. Dazu ständige Schikane. „Um Geld zu sparen, mussten die Frauen Plastikbecher abwaschen. Ging mal einer kaputt, gab es riesigen Ärger. Manchmal auch Schläge“, sagt Köhncke.

Krude Gesetze

Eine Flucht schien unmöglich. Wo sollten sie auch hin? Geld wurde ihnen sofort abgenommen. Deutsch konnten sie nicht. Und sie hatten Angst. Nicht nur davor, dass sie selbst geschlagen oder ermordet werden, sondern dass ihren Familien etwas passiert. „Ich weiß, wo deine Familie wohnt. Dein kleiner Bruder läuft doch immer diesen Feldweg zur Schule. Was, wenn er einmal nicht mehr dort ankommt? Solche Drohungen reichen, um die Frauen gefügig zu machen“, sagt Paulus.

Den Frauen aus den Pussy-Clubs hat eine Initiative der Bürger aus Fellbach geholfen. Dort schalteten die Betreiber des Bordells so massiv Werbung, dass sich Protest regte. „Immer wieder hat das Gesundheitsamt Kontrollen durchgeführt und den Laden schließen lassen“, berichtet Köhncke. Dass 20 Frauen den Mut aufgebracht haben, gegen ihre Peiniger auszusagen, war ein Glücksfall. Nur so konnten zwei Betreiber 2012 zu mehreren Jahren Haft wegen schweren Menschenhandels verurteilt werden.

Die hohe Strafe bekamen sie nicht nur, weil sie Frauen gequält und zur Prostitution gezwungen, sondern weil sie Sozialversicherungsbeiträge in Höhe von 1,8 Millionen Euro nicht abgeführt hatten. Mit dem 2002 in Deutschland eingeführten Prostitutionsgesetz haben Bordellbetreiber ein eine Art eingeschränktes Weisungsrecht, sind gesetzlich anerkannte Arbeitgeber. Diese bestimmen Arbeitszeit und Arbeitsort. Und sie sind verpflichtet, Sozialabgaben für ihre Arbeitnehmerinnen zu zahlen.

Das Land des Bösen

Das Ansinnen des Gesetzes war es, die rechtliche und soziale Situation von Prostituierten zu verbessern. Nach Auffassung von Manfred Paulus ist es eher ein Zuhälter-Schutzgesetz geworden. Deutschland sei das Land mit der liberalsten Einstellung gegenüber Zuhältern. In den USA werde die Bundesrepublik deshalb als das „Land des Bösen“ bezeichnet, sagt Paulus. Auf seinen Reisen begegne ihm immer wieder die Frage: Wieso kann es in Deutschland so viel Leid geben? „Das beschämt mich.“ Bis auf das „blödsinnige“ Weisungsrecht seien die Gesetze gut. „Im Grunde war das Prostitutionsgesetz keine schlechte Idee. Aber was nicht beachtet wurde: Das Milieu hat seine eigenen Regeln“, sagt Paulus. Deutsche Rechtsprechung gelte da nichts.

Was müsste sich an den Gesetzen ändern? Prostituierte sollten verpflichtet wieder werden, regelmäßig zum Arzt zu gehen. „Dadurch bekommt man Kontakt zu den Mädchen und sieht, ob es ihnen schlecht geht“, sagt Paulus. Besonders wichtig ist, Prostitution unter 21 Jahren zu verbieten. Die von Zuhältern umworbenen Mädchen seien dann schon ein wenig reifer und überlegten sich vielleicht einmal mehr, ob sie aus ihrer Heimat weg wollen.

Regierung plant Reform

Auf Bundesebene könnte eine Reform des Prostitutionsgesetzes vielleicht Realität werden. Zumindest haben sich CDU/CSU und SPD in ihrem Koalitionsvertrag eine Überarbeitung vorgenommen. Die Bundesregierung will die Kontrollen von Bordellen und das Strafmaß gegen Zwangsprostitution verschärfen. Darüber hinaus fordert der Deutsche Städte- und Gemeindebund, das Mindestalter für Prostituierte von 18 auf 21 Jahren heraufzusetzen. Baden-Württembergs Arbeits- und Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) schlägt vor, über ein Prostitutionsverbot nachzudenken. Dadurch sollen Freier bestraft werden können.

Das wäre ganz im Sinne des Europaparlaments. Dort  stimmten die Abgeordneten Ende Februar für eine unverbindliche Resolution, Freier zu bestrafen. Die Begründung: Nicht nur Zwangsprostitution, sondern auch freiwillig angebotene sexuelle Dienstleistungen gegen Bezahlung verletzten die Menschenrechte. Die EU-Staaten sind zudem aufgefordert, Ausstiegsstrategien für Prostituierte zu entwickeln.

Manfred Paulus hält ein Verbot der Prostitution für wenig sinnvoll. „Dadurch drängt man das Milieu in einen für die Öffentlichkeit unsichtbaren Raum.“ Dort könne den Opfern noch weniger geholfen werden.

Bereits jetzt ist es für die Polizei schwierig, Zuhältern etwas nachzuweisen. „Wie sollen die Polizisten auch in ein Bordell rein kommen? Der Zuhälter legt ihnen freundlich die gültigen Papiere der Mädchen vor und sagt, er betreibt ein Gewerbe. Bei ihm sei nach 22 Uhr Feierabend“, sagt Paulus. Da könne die Ermittlung gleich wieder abgebrochen werden.

Paulus wünscht sich, dass die Polizei Mittel bekommt, um intensiv und langfristig ermitteln zu können. „Da muss es egal sein, ob nach zwei oder nach fünf Jahren ein Ergebnis vorliegt.“ Den kleinen Zuhälter zu erwischen, reiche nicht. An die Drahtzieher müsse man ran.

Einmal Hure, immer Hure

Im Verfahren gegen die beiden Pussy-Club Betreiber ist das einmal gelungen. Für Valeria ist der Alptraum in Deutschland vorbei. Aber was sie jetzt macht, weiß Doris Köhncke nicht. Von den 20 Frauen, die gegen die Betreiber der Flatrate-Bordelle ausgesagt haben, sind einige in Deutschland geblieben oder wieder in die Heimat zurückgekehrt. Ein paar von ihnen arbeiten wieder als Prostituierte. „Die Frauen gelten als Huren, als Versagerinnen“, sagt Paulus. Wenn sie zu ihrer Familie zurückkommen und nicht den versprochenen Reichtum aus dem Westen mitbringen, seien sie nichts wert. Sie wissen nichts anderes zu tun, als wieder in einem Bordell zu arbeiten.

 


[1] Name von der Redaktion geändert.

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